Jede Woche kommt ein neues Tool, das dir die Softwareeinführung im Handwerk leicht machen will: nach dem Vor-Ort-Termin kurz ins Handy sprechen, fünf Minuten später liegt das fertige Angebot beim Kunden. Klingt gut. Fliesenlegermeister Stefan Bohlken aus Oldenburg sieht das anders. Er ist seit Jahren mit Vorträgen zu Digitalisierung und Aufmaß unterwegs und kennt beide Seiten: die Betriebe, die noch mit dem Filofax planen, und die, die jedes neue Tool ausprobieren. Hier liest du, wo er anfangen würde, wenn er heute noch einmal digital starten müsste, und warum der erste Schritt banaler ist, als die meisten denken.
Stefan ist da klar: Angebote müssen heute schneller raus als früher. Wer im Internet alles sofort bekommt, wartet ungern drei Wochen auf den Handwerker. Aber ein Angebot, das fünf Minuten nach dem Termin im Postfach liegt, wirkt auf den Kunden wie eine grobe Preisschätzung. Über den Durchschnittspreis pro Quadratmeter Bad kommst du zwar schnell auf eine Zahl. Sobald jemand Wandheizung, bodengleiche Dusche mit Rinne oder LEDs will, ist das aber nur noch über den Daumen gepeilt. Und dann rechnet der Kunde mit dem dicken Ende.
Wenn das so schnell geht, dann kann man doch gar nicht alles gedacht haben. Stefan Bohlken
Selbst wenn dein Angebot mit KI entsteht: Lass es lieber eine Nacht liegen und pack die eine Idee mehr hinein, die der Kunde nicht erwartet.
Beim Vor-Ort-Termin geht es um Vertrauen. Hält der Betrieb Termine, geht jemand ans Telefon, bleibt die Baustelle sauber? Und es geht um Ideen. Stefans Standardbeispiel: Wenn der Spülkasten vorgemauert wird, schlägt er rechts in der Ecke eine Steckdose für einen WLAN-Lautsprecher vor. Er verdient an der Steckdose nichts, aber die Kunden freuen sich, weil jemand mitgedacht hat. Genau das unterscheidet dich vom Angebot aus dem Baukasten.
Ich sage immer, wenn man zu viele Sonderwünsche macht, dann ist man schlechter Berater. Achim Maisenbacher
Wer die typischen Extras schon im Erstgespräch als Optionen anbietet, muss sie hinterher nicht als Nachtrag verkaufen.
Du musst deine Branchensoftware nicht über Bord werfen. Aber du solltest prüfen, ob sie Schnittstellen anbietet, ob sie mit KI zusammenarbeiten kann und wie gut der Anbieter aufgestellt ist. Stefan rechnet damit, dass es manche Lösungen in zwei bis fünf Jahren nicht mehr gibt. Die gute Nachricht: Die meisten bewegen sich gerade Richtung Schnittstellen. Entscheidend ist, dass du die Hoheit über deine Daten behältst und sie nicht in Datensilos verschwinden. Vorsicht bei selbstgebauter KI-Software, die alles können soll: Es gibt nicht „das Handwerk“. Was für einen Betrieb passt, ist für den nächsten zu starr oder zu locker.
Ein Fliesenleger-Kollege von Stefan stellt gerade auf eine neue Software um und denkt ganz groß: Kalender, Termine, Checklisten, alles auf einmal. Ein einziges Angebot hat er darin noch nicht geschrieben. Stefans Rat: Such dir einen Kunden aus und zieh genau ein Projekt komplett in der neuen Software durch. Beim Fliesenleger sind das oft nur zehn Positionen, etwa Bad-Boden, ein bisschen rausschlagen, Silikonfugen. Dazu die ersten Fotos, Kommentare und ein Termin. Danach weißt du, ob du dich in der Software wohlfühlst, und kannst den nächsten Schritt gehen. Viele Anbieter haben eine Testversion, die dafür reicht.
Für alle, die noch mit Word, Excel oder dem Papierkalender arbeiten, hat Stefan einen Einstieg, der keine Rocket Science ist. Richte für dich und deine zwei, drei Mitarbeiter einen digitalen Kalender ein und plan darin alles durch. Outlook, Gmail und Apple können Kalender und E-Mail so gut wie kaum eine Branchensoftware. Und du merkst sofort, wie Digitalisierung hinten herum funktioniert: Ein verschobener Termin ändert sich beim anderen automatisch mit.
Ich sage mal, fangen mit dem Kalender an. Stefan Bohlken
Der nächste Schritt liegt bei vielen schon in der Hosentasche. iPhones der Pro-Serie haben einen LiDAR-Scanner, der Entfernungen misst. Mit der passenden App läufst du einmal durch den Raum und hast nach ein, zwei Minuten ein 3D-Modell, inklusive Fotos an der Stelle, wo du sie gemacht hast, Lüftung, Steckdosen und Heizkörperanschlüssen. Daraus wird eine DXF- oder IFC-Datei für die Badplanung oder eine PDF für den Kollegen, der lieber auf Papier arbeitet. Im Workshop bei Villeroy & Boch hat Stefan einen leeren Schulungsraum gescannt. Die App sagte 10,43 Meter, der Laser auch. Welche App Stefan nutzt, findest du in den Unterlagen im Members-Bereich.
Das ist für mich einer der Game Changer in den letzten Jahren. Stefan Bohlken
Nicht beim größten Tool, sondern bei deinem Prozess. Die Software kommt danach. Prüf diese Woche, ob deine Branchensoftware Schnittstellen hat, führ deinen Kalender digital und such dir einen Kunden für ein komplettes Testprojekt. Das ganze Gespräch mit Stefan Bohlken, inklusive seiner Geschichte vom ersten PC im Betrieb, hörst du in Folge 199 von Bauimpulse.
Hör dir jetzt die Podcast-Episode mit Stefan Bohlken an und teile sie, wenn sie dir gefallen hat!
Ein Kunde, zehn Positionen, Fotos und ein Termin, komplett in der neuen Software. Danach weißt du, ob sie zu deinem Betrieb passt.
Fang mit einem echten Projekt an, nicht mit allen Funktionen auf einmal. Leg einen Kunden mit rund zehn Positionen an, füg Fotos, Kommentare und einen Termin hinzu und zieh das Projekt bis zum Ende durch. Dann entscheidest du, wie es weitergeht.
Schneller als früher, aber nicht im Minutentakt. Ein Angebot, das direkt nach dem Termin kommt, wirkt schnell wie eine Pauschale. Lieber eine Nacht drüber schlafen und eine Idee ergänzen, die zeigt, dass du mitgedacht hast.
An offenen Schnittstellen, daran, ob sie mit KI-Werkzeugen zusammenarbeiten kann, und daran, dass deine Daten deine bleiben. Frag den Anbieter auch, wie er in den nächsten Jahren aufgestellt ist.
Ein digitaler Kalender für dich und dein Team. Outlook, Gmail oder Apple reichen dafür. Termine sind sofort für alle sichtbar, und Änderungen landen automatisch bei allen Beteiligten.
Für Innenräume erstaunlich genau. Bei Stefans Test in einem rund 10 mal 7,5 Meter großen Schulungsraum zeigten App und Laserentfernungsmesser exakt denselben Wert. Für die Badplanung bekommst du ein 3D-Modell und DXF- oder IFC-Dateien.
Nicht zwingend. Wichtiger ist ein sauberer Prozess vom Aufmaß bis zur Rechnung. Ein Baustellenbericht per Sprache, aus dem später die Rechnung entsteht, bringt oft mehr als ein Tool, das das Angebot in Sekunden ausspuckt.
"Bei Achim wusste ich gleich, dass ich viele gute Infos finde!"
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