Tobias Maseizik

Ergonomie & Wertschätzung im Handwerksbetrieb

Ergonomie auf der Baustelle: So bleiben deine Leute gesund

Warum kleine Handgriffe und echte Wertschätzung den Unterschied machen

Dein wichtigstes Arbeitsmittel steht in keinem Werkzeugkatalog: Es ist der Körper deiner Leute. Genau darum geht es in diesem Gespräch mit Tobias Maseizik, Fliesenlegermeister und seit fünf Jahren bei der BG BAU im Themenfeld Ergonomie unterwegs. Du erfährst, warum die Berufsgenossenschaft kein Gegner, sondern ein kostenloser Berater ist, welche kleinen Fehler auf der Baustelle den Rücken kaputt machen und mit welchen Handgriffen, Hilfsmitteln und Ritualen du gegensteuerst. Das Thema betrifft nicht nur Fliesenleger, sondern jeden Bauberuf mit Zwangshaltungen und schweren Lasten. Und es hat einen handfesten unternehmerischen Hebel: Wer seine Leute gesund hält, hält sie länger, motivierter und unterscheidet sich spürbar vom Wettbewerb.

Warum die BG BAU nicht dein Gegner ist

Wenn die Berufsgenossenschaft unangekündigt auf die Baustelle kommt, wird sie oft als Störfaktor gesehen. Dabei ist die Hauptaufgabe von Tobias und seinen Kollegen die Beratung, nicht die Kontrolle mit erhobenem Zeigefinger. Wichtig zu wissen: Du musst nicht warten, bis jemand vorbeikommt. Du kannst die BG BAU aktiv und prophylaktisch anrufen, so wie du präventiv zum Zahnarzt gehst. Hast du einen Mitarbeiter, der über Rücken- oder Gelenkschmerzen klagt oder immer wieder ausfällt, kommt jemand vorbei und schaut sich die Abläufe an. Für jeden Betrieb gibt es über die Postleitzahl einen festen Ansprechpartner vor Ort. Genau diese Hemmschwelle abzubauen, ist der erste Schritt: Frag nach, bevor aus einem kleinen Zwicken ein Dauerproblem wird.

Kapitelübersicht

  • 00:00 Einleitung und Vorstellung Tobias Maseizik
  • 03:05 Wie Betriebe die BG-Beratung wahrnehmen
  • 04:45 Muskel-Skelett-Erkrankungen im Handwerk
  • 05:57 Die häufigsten Ergonomie-Fehler
  • 09:04 Richtig heben und Material clever lagern
  • 11:31 Vorschlagswesen: Hilfsmittel im Team einführen
  • 15:07 Ältere Mitarbeiter und Wissen transformieren
  • 17:33 BG-Kliniken: Prävention statt Reha
  • 24:16 Ergonomie als feste Gewohnheit etablieren

Muskel-Skelett-Erkrankungen: das unterschätzte Risiko

Muskel-Skelett-Erkrankungen stehen in der Berufskrankheiten-Statistik weit oben — und sie sind kein Problem eines einzelnen Gewerks. Beim Fliesenleger hat man sofort die Knie vor Augen, aber dieselbe Belastung trifft Dachdecker, Maler, Bodenleger und Maurer genauso. Der gemeinsame Nenner sind Zwangshaltungen und schwere Lasten, und die ziehen sich durch fast alle Bauberufe. Das Tückische daran: Die Schäden kommen schleichend. Heute fühlt sich der Kollege wie ein ganzer Kerl, in drei Jahren hat er das Theater mit kaputtem Rücken oder Knie. Als Chef lohnt es sich, die Tätigkeiten deiner Leute bewusst durch diese Brille anzuschauen. Wo wird täglich gekniet, gehoben, verdreht? Genau dort entscheidet sich, ob jemand gesund bis zur Rente kommt oder die Probleme mit in die Freizeit nimmt.

Das, was die Beine vom Gewicht her aufnehmen können, wird der Rücken niemals ausgleichen. Heb aus den Knien und trag die Last körpernah. Tobias Maseizik

Die häufigsten Ergonomie-Fehler — und wie du sie abstellst

Der größte Fehler steckt in zwei Worten: „mal eben“. Es geht gefühlt schneller, wenn man den Sack Zement oder das Fliesenpaket schnell aus dem Rücken hochreißt. Aber wenn das jeden Tag ein paar Dutzend Mal passiert, summiert sich der Schaden. Das Grundprinzip ist einfach: Gewichte aus den Beinen heben, nicht aus dem Rücken, und die Last körpernah tragen. Dazu gehört, die Wege freizuräumen, damit niemand mit schwerem Material über Hindernisse steigen muss. Ein zweiter großer Hebel ist die Lagerhöhe: Wer Material auf Hüfthöhe statt auf dem Boden lagert — etwa auf einem einfachen Montagetisch — muss sich nicht ständig komplett bücken. Das sind Kleinigkeiten, die im Alltag oft aus reiner Gewohnheit oder Unwissenheit verschwinden. Genau hier setzt du als Chef an.

Hilfsmittel, Lagerkonzept und Arbeitsschutzprämien

Neben veränderten Gewohnheiten gibt es technische Hilfsmittel für den Materialtransport — von der elektrisch gestützten Sackkarre, die sogar Treppen steigt, bis zu spezialisierten Hebehilfen. Das Beste: Die BG BAU fördert viele dieser Werkzeuge über die Arbeitsschutzprämien. Unter bestimmten Voraussetzungen schaffst du als Unternehmer das Gerät an und bekommst über das Prämiensystem einen Teil des Betrags zurückerstattet. Daneben gibt es die Sammlung „ergonomische Lösungen“, in der du dir Denkanstöße für die Arbeitsplatz- und Verfahrensgestaltung holst. Der Punkt ist: Du musst das Rad nicht allein neu erfinden. Schau auf der Internetseite der BG BAU, welche Hilfsmittel prämiert sind, und prüfe konkret, an welcher Stelle in deinem Betrieb täglich unnötig geschleppt wird. Oft amortisiert sich die Investition über weniger Ausfalltage von selbst.

Ein guter Mitarbeiter bleibt lange, wenn er Spaß an der Arbeit hat und die Arbeit nicht krank macht. Genau dafür kannst du als Chef richtig viel tun.Tobias Maseizik

Das Vorschlagswesen: Neues ohne Gesichtsverlust einführen

Eine starke Idee aus dem Gespräch: ein Vorschlagswesen, das eins zu eins und ohne große Bühne läuft. Wenn ein Chef in die versammelte Mannschaft fragt „Wer will die neue Hebehilfe?“, meldet sich oft niemand — aus Angst vor dem Spruch des alten Hasen „Wer braucht denn so was, das haben wir immer so gemacht“. Es ist wie beim E-Bike, das früher belächelt wurde und heute überall auf unseren Straßen zu sehen ist. Besser ist ein vertraulicher Kanal: Wer merkt, dass ihm etwas wehtut oder bei einem Kollegen eine echte Erleichterung gesehen hat, meldet das direkt und ohne Gelächter. Probiert einer ein Hilfsmittel aus und es funktioniert, kommen die anderen von selbst und wollen es auch. Hersteller geben Produkte übrigens gern zum Testen heraus — zwei, drei Tage ausprobieren, dann gemeinsam bewerten.

Ältere Mitarbeiter halten: Wissen statt Verschleiß

Ergonomie heißt nicht nur, einzelne Handgriffe zu verbessern. Wenn deine Mannschaft älter wird, lohnt der Blick auf die ganze Rolle. Ein Fliesenlegerbetrieb aus dem Gespräch hat sich genau das überlegt: Erfahrene Leute, die nicht mehr täglich schwere Lasten tragen wollen, übernehmen mehr Projektleitung und helfen anderen, an größere Aufträge zu kommen. So bleibt das Wissen im Betrieb, ohne den Körper weiter zu verschleißen. Dazu kommen Angebote wie die BG-Kliniken für präventiven Muskelaufbau und der geförderte Ausgleich über Fitness oder Physiotherapie. Wer auf der Baustelle den ganzen Tag einseitig belastet, braucht abends einen Gegenpol — und manche Betriebe richten dafür sogar ein kleines Firmen-Fitnessstudio ein. Das ist gelebte Wertschätzung und in Zeiten des Fachkräftemangels ein echtes Argument für deinen Betrieb.

Die wichtigsten Erkenntnisse
Das nimmst du aus diesem Gespräch mit

  • Die BG BAU ist Berater, nicht Gegner: Du kannst sie über die Ansprechpartner-Suche per Postleitzahl jederzeit präventiv anrufen — bevor Probleme entstehen.
  • Aus den Beinen heben, körpernah tragen: Das einfachste Prinzip mit der größten Wirkung gegen Rückenschäden.
  • Lagerhöhe und Hilfsmittel: Material auf Hüfthöhe lagern und technische Hilfen nutzen — vieles davon wird über Arbeitsschutzprämien gefördert.
  • Vorschlagswesen ohne Bühne: Neue Hilfsmittel vertraulich und im Einzelgespräch einführen, damit niemand Gesichtsverlust fürchtet.
  • Wissen transformieren: Ältere Mitarbeiter in Projektleitung und Beratung halten, statt sie weiter zu verschleißen.
  • Ergonomie als Ritual: Einmal im Jahr fest einplanen — Vortrag, Technik-Test, danach Grillen oder Ausfahrt. Es muss gelebt werden.

Fazit

Ergonomie auf der Baustelle ist kein Wohlfühlthema, sondern handfeste Unternehmensführung. Die Erkrankungen entstehen aus vielen kleinen, täglichen „mal eben“-Bewegungen — und genau die lassen sich mit wenig Aufwand abstellen: richtig heben, clever lagern, Hilfsmittel nutzen und die BG BAU als Berater einbinden. Mindestens genauso wichtig ist die Haltung dahinter: Wer seine Leute bei der Auswahl von Schutzausrüstung einbindet, neue Lösungen ausprobiert und das Thema regelmäßig auf die Agenda holt, zeigt echte Wertschätzung. Das hält gute Mitarbeiter gesund, motiviert und lange im Betrieb. Mach Ergonomie zur Gewohnheit, nicht zum einmaligen Aha-Moment nach einer zufällig gehörten Folge.

Mach dir vor Beginn der Tätigkeit Gedanken über deine Gefährdungsbeurteilung und binde deine Leute bei der Auswahl von Knieschonern, Schuhen und Hilfsmitteln ein. Das ist gelebte Wertschätzung — und der Einstieg in eine Ergonomie, die wirklich funktioniert.
Tobias Maseizik, BG Bau

Weiterführende Links & Ressourcen

  • BG BAU — Arbeitsschutzprämien, ergonomische Lösungen und die Ansprechpartner-Suche per Postleitzahl

Häufig gestellte Fragen

Was kannst du als Chef gegen Rückenbeschwerden deiner Mitarbeiter tun?

Schau dir die täglichen Bewegungsabläufe bewusst an: Wo wird schwer gehoben, gekniet oder verdreht? Sorge dafür, dass aus den Beinen statt aus dem Rücken gehoben wird, lagere Material auf Hüfthöhe und setze technische Hilfsmittel ein. Bei konkreten Beschwerden kannst du die BG BAU kostenlos zur Beratung dazuholen. Und wenn du das nächste Mal zur arbeitsmedizinischen Vorsorge gehst, sprich deine Beschwerden offen an.

Wie hebst du schwere Lasten auf der Baustelle richtig?

Geh in die Knie und hebe die Last aus den Beinen, nicht aus dem Rücken — die Beinmuskulatur trägt ein Vielfaches dessen, was der Rücken je ausgleichen kann. Halte die Last körpernah und räume vorher die Wege frei, damit du nicht mit Gewicht über Hindernisse steigen musst.

Was sind die Arbeitsschutzprämien der BG BAU und wie bekommst du sie?

Über das Prämiensystem fördert die BG BAU bestimmte Werkzeuge und ergonomische Hilfsmittel. Unter den jeweiligen Voraussetzungen schaffst du das Gerät an und bekommst einen Teil des Betrags zurückerstattet. Die förderfähigen Produkte und die Bedingungen findest du auf der Internetseite der BG BAU.

Wie überzeugst du erfahrene Mitarbeiter, neue Hilfsmittel zu nutzen?

Setz auf ein vertrauliches Vorschlagswesen statt auf die große Runde und lass Neues zwei bis drei Tage in Ruhe ausprobieren. Funktioniert ein Hilfsmittel bei einem Kollegen, springen die anderen meist von selbst auf — so wie bei meinem Beispiel vom E-Bike

Was bringt eine präventive Reha in einer BG-Klinik?

In den BG-Kliniken gibt es spezialisierte Programme für Knie, Hüfte, Schulter und Rücken — auch präventiv, also bevor etwas passiert ist. In rund drei Wochen lernen deine Leute gezielten Muskelaufbau und Entlastungsübungen, die sie danach zu Hause konsequent weitermachen. Das wirkt wie eine Kur und hält langfristig gesund.

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