Verantwortung abgeben statt Feuerwehr spielen: Die größten Hebel für Handwerksunternehmer
Der politische Hebel
Warum Bürokratie das Handwerk erstickt
Das Lieferkettengesetz für 20-Mann-Betriebe? „Das ist overdrive!“
Wenn Henning Hanebutt morgen Bundeskanzler wäre, würde er als Erstes die ausufernde Bürokratie reduzieren. Sein Paradebeispiel: Das Lieferkettengesetz, das einen 20-Mann-Betrieb dazu verpflichtet, sich mit Menschenrechtsrisiken in der gesamten Lieferkette auseinanderzusetzen. „Das gehört hier nicht hin, nicht ins Handwerk und nicht auf den einzelnen Unternehmen runtergebrochen“, sagt Henning deutlich. Besonders kritisch sieht er das ESG-Gesetz, das ab 2027/28 auch kleine Handwerksbetriebe betreffen wird. Die Ironie: Dieses Gesetz wird teilweise höher bewertet als die Bilanz selbst. Für einen Kleinbetrieb ist das kaum zu stemmen – und genau diese Betriebe sind es, die das Land am Laufen halten. Auch die Baunormen sind mittlerweile so komplex geworden, dass selbst erfahrene Unternehmer sie nicht mehr vollständig umsetzen können. „Da können die 24 Stunden arbeiten und sie schaffen das nicht“, bringt es Henning auf den Punkt. Die Verschlankung dieser Vorschriften wäre ein echter Befreiungsschlag für das Handwerk.
Der größte unternehmerische Hebel: Verantwortung abgeben
Hier kommt die unbequeme Wahrheit: Der größte Hebel liegt nicht in besseren politischen Rahmenbedingungen, sondern in dir selbst. „Der größte Hebel ist, Verantwortung abzugeben“, sagt Henning ohne Umschweife. Aber – und das ist entscheidend – nicht einfach nur Aufgaben delegieren, sondern echtes Vertrauen in deine Mitarbeiter haben. Das beginnt beim Azubi, geht über Gesellen und Vorarbeiter bis zum Bauleiter. Wenn du das nicht schaffst, steht am Ende des Tages die ganze Mannschaft vor deiner Tür und will Entscheidungen von dir. Das Problem: Die meisten Handwerksunternehmer sehen sich selbst als die besten Problemlöser. Henning gibt offen zu: „Das war bei mir auch eine lange gedauert, bevor ich es eingesehen habe, dass ich diesen Part abgeben muss.“ Die entscheidende Frage ist nicht, ob deine Mitarbeiter das Problem genauso gut lösen wie du – sondern ob du bereit bist, ihnen die Chance zu geben, in ein, zwei oder fünf Jahren vielleicht sogar besser zu werden als du.
Der größte Hebel, der daraus ist und ist, glaube ich, Verantwortung abzugeben. Verantwortung abzugeben, aber das Vertrauen noch zu haben, Verantwortung abzugeben und das Vertrauen an die Menschen, die mich dann begleiten.
Henning Hanebutt
Die Alternative? 365 Tage Dauereinsatz – keine Lösung!
Was ist eigentlich die Alternative zum Abgeben von Verantwortung? Henning bringt es auf den Punkt: „Die Alternative kann ja nicht sein, dass ich 365 Tage, 24 Stunden arbeite, das ist ja nicht die Alternative.“ Das Bild, das er zeichnet, kennen viele: Du fährst zur Hochzeit deines besten Freundes und musst vorher noch schnell auf der Baustelle vorbei, um Anweisungen zu geben. Wenn das deine Realität ist, läuft etwas grundlegend falsch. Natürlich kannst du dich dafür entscheiden, aber es ist nicht skalierbar, nicht nachhaltig und führt langfristig ins Burnout. Der Schlüssel liegt darin, zunächst an dir selbst zu arbeiten. Vertraust du dir selbst genug, um Verantwortung weiterzugeben? Erst wenn du diese Frage mit Ja beantworten kannst, kannst du anfangen, an deine Bauleiter, Vorarbeiter, Gesellen und Azubis heranzutreten. Es geht nicht darum, „irgendwo rumzuwurschteln bei den anderen“, sondern bei sich selbst anzufangen.
Fachkräftemangel? Nicht mit der richtigen Strategie
Über 100 Azubis, mehr als 300 Bewerbungen – und aktuell sogar ein Bewerbungsstopp für Voreinstellungen im Ausbildungsbereich. Diese Zahlen klingen wie aus einer anderen Welt, wenn man die üblichen Klagen über Fachkräftemangel hört. Wie macht Henning das? Es ist eine Mischung aus mehreren Komponenten: Erstens das bereits erwähnte Vertrauen in Mitarbeiter und das Machen-Lassen. Zweitens aktives Recruiting – die Hanebutt GmbH geht in Schulen, besucht Ausbildungsmessen und hat eine starke Arbeitgebermarke über Instagram aufgebaut. Drittens zeigen sie authentisch, was sie draußen machen und was Handwerk kann. „Ich glaube, diese ganze Komponenz spielt zusammen, dass wir heute zum Beispiel für unsere Azubis… jetzt wird mal die Ernte einfallen“, erklärt Henning. Der Fachkräftemangel ist also kein unabwendbares Schicksal, sondern oft das Ergebnis fehlender Sichtbarkeit und mangelnder Attraktivität als Arbeitgeber.
Von der Baustelle zum Unternehmer: Der Mindset-Shift
Der Übergang vom Handwerker zum Unternehmer erfordert einen fundamentalen Mindset-Shift. Viele Handwerksunternehmer sind technisch brillant – sie können jedes Problem auf der Baustelle lösen, kennen jedes Material, jede Technik. Genau das wird aber zum Problem, wenn das Unternehmen wachsen soll. Denn solange du der beste Problemlöser bist, werden alle Probleme zu dir kommen. Henning musste lernen, dass seine Rolle nicht darin besteht, alle Probleme selbst zu lösen, sondern Menschen zu entwickeln, die Probleme lösen können. Das bedeutet auch, Fehler zuzulassen und auszuhalten, dass Dinge manchmal nicht so perfekt laufen, wie wenn du sie selbst gemacht hättest. Mit 14 Niederlassungen und Projekten in Berlin und Amsterdam wäre es schlicht unmöglich, überall der erste Ansprechpartner zu sein. Der Erfolg gibt dieser Strategie recht: Wenn du das Vertrauen weitergibst, kommt es zurück – in Form von motivierten Mitarbeitern, die Verantwortung übernehmen.
Wenn ich das nicht schaffe, denen die Verantwortung zu geben, beziehungsweise ich das Vertrauen in diese Menschen habe, dann habe ich das Problem, weil das ganze Tagesgeschäft dann bei mir hängt und alle Leute bei mir an Tür stehen und klopfen und wollen eine Entscheidung von mir haben.
Henning Hanebutt
Praktische Schritte: Wie du heute anfangen kannst
Wie setzt du diese Erkenntnisse konkret um? Beginne klein: Identifiziere eine Entscheidung oder Aufgabe, die normalerweise bei dir landet, die aber eigentlich dein Bauleiter oder Vorarbeiter treffen könnte. Gib diese Verantwortung bewusst ab – und halte dich dann zurück, auch wenn es schwerfällt. Kommuniziere klar, dass du Vertrauen hast und dass Fehler Teil des Lernprozesses sind. Etabliere regelmäßige Reflexionsgespräche, in denen ihr gemeinsam besprecht, was gut lief und was beim nächsten Mal besser gemacht werden kann. Arbeite parallel an deiner Arbeitgebermarke: Zeige auf Social Media, was dein Unternehmen besonders macht. Gehe aktiv auf Schulen und Ausbildungsmessen. Und vor allem: Sei geduldig mit dir selbst. Henning betont, dass es auch bei ihm lange gedauert hat, bis er diesen Shift vollzogen hatte. Der Weg vom „Ich bin der beste Problemlöser“ zu „Ich entwickle die besten Problemlöser“ braucht Zeit – aber er lohnt sich.
Fazit: Die Hebel liegen in deiner Hand
Die größten Hebel für erfolgreiches Handwerksunternehmertum liegen nicht in äußeren Umständen, sondern in dir selbst. Ja, weniger Bürokratie würde helfen – aber darauf zu warten, bringt dich nicht weiter. Der entscheidende Hebel ist das Abgeben von Verantwortung und das Vertrauen in deine Mitarbeiter. Vom Azubi bis zum Bauleiter: Wenn du Menschen entwickelst statt alle Probleme selbst zu lösen, schaffst du die Grundlage für nachhaltiges Wachstum. Henning Hanebutts Erfolg mit 14 Niederlassungen und über 600 Mitarbeitern zeigt: Es funktioniert. Die Alternative – 365 Tage Dauereinsatz – ist keine Lösung. Fang heute an, bei dir selbst zu arbeiten, bevor du an anderen herumwurschtelst. Die Ernte wird kommen.
Henning Hanebutts Tipp für dich
„Fang bei dir selbst an. Vertraust du dir selbst genug, um Verantwortung abzugeben? Erst wenn du diese Frage ehrlich mit Ja beantworten kannst, kannst du anfangen, an deine Bauleiter, Vorarbeiter, Gesellen und Azubis heranzutreten. Die Alternative – 365 Tage, 24 Stunden arbeiten – kann es einfach nicht sein.“
Jetzt kann ich durch die Welt laufen und auf diese ganzen jungen Leute schimpfen und überall nur schlechte sehen, die arbeiten nicht, die sind faul, die machen so was. Oder ich gucke durch die Brille, wo ich sage, das sind Leute, das sind Menschen, die anders denken, die jung sind, die aktiv sind und die auch nach vorne wollen, aber die anders nach vorne wollen.
Henning Hanebutt
Die wichtigsten Takeaways
- Bürokratie-Overdrive: Das Lieferkettengesetz für 20-Mann-Betriebe und das ESG-Gesetz ab 2027/28 sind für kleine Handwerksbetriebe kaum zu stemmen – politische Entlastung ist dringend nötig.
- Verantwortung abgeben ist der größte Hebel: Nicht mehr Arbeitsstunden, sondern echtes Vertrauen in Mitarbeiter vom Azubi bis zum Bauleiter schafft Wachstum.
- Bei dir selbst anfangen: Bevor du Verantwortung delegieren kannst, musst du dir selbst vertrauen und akzeptieren, dass andere Probleme anders (aber nicht schlechter) lösen.
- Fachkräftemangel ist kein Schicksal: Mit aktiver Ansprache in Schulen, Ausbildungsmessen und einer starken Arbeitgebermarke (z.B. über Instagram) kannst du mehr Bewerbungen generieren als Stellen.
- Vom Problemlöser zum Entwickler: Deine Rolle als Unternehmer ist nicht, alle Probleme selbst zu lösen, sondern Menschen zu entwickeln, die Probleme lösen können.
- Die 365-Tage-Falle: Wenn du zur Hochzeit deines besten Freundes fährst und vorher noch auf die Baustelle musst, läuft etwas grundlegend falsch in deinem Unternehmen.
Zitate von Henning Hanebutt
„Das Lieferkettengesetz für einen 20-Mann-Betrieb? Das ist overdrive! Das gehört hier nicht hin, nicht ins Handwerk und nicht auf den einzelnen Unternehmen runtergebrochen.“
„Der größte Hebel ist, Verantwortung abzugeben. Verantwortung abzugeben, aber das Vertrauen noch zu haben, Verantwortung abzugeben und das Vertrauen an die Menschen, die mich dann begleiten.“
„Ich habe es ja auch immer von mir selber gedacht, dass ich alle Probleme auch vielleicht selber lösen kann. Das war bei mir auch eine lange gedauert, bevor ich es eingesehen habe, dass ich diesen Part abgeben muss.“
Wir haben gerade fast einen Stopp gemacht für Voreinstellungen im Bereich Auswählung. Und da kann man ja sehen, was passiert eigentlich, wenn man arrangiert ist und wenn man dieses Vertrauen weiter gibt, was nachher dann zurückkommt.
Henning Hanebutt
„Was ist denn die Alternative? Die Alternative kann ja nicht sein, dass ich 365 Tage, 24 Stunden arbeite, das ist ja nicht die Alternative.“
„Wenn ich zur Hochzeit meines besten Freundes fahre und vorher noch mal schnell in der Baustelle vorbeifahren will und kann er noch ein Anweisungen geben, was er zu tun hat, das ist ja nicht die Alternative dazu.“
„Jeder kann erstmal an sich arbeiten, bevor irgendwo rumwurschtelt bei den anderen, sondern erstmal bei sich anzufangen und zu sagen, okay, vertraue ich mir dann selbst.“
Dann haben wir aber auch Teile gemacht, dass wir selber aktiv waren und sind in die Schulen gegangen. haben Ausbildungsmessen besucht, haben inaktiv jetzt auch eine Arbeitgebermarke mit über Instagram aufgebracht, haben gezeigt, was wir eigentlich da draußen machen, die Leute aufmerksam auf uns werden.
Henning Hanebutt
Über den Gast
Henning Hanebutt ist Geschäftsführer der Hanebutt GmbH, einem der größten deutschen Dachdeckerunternehmen mit 14 Niederlassungen und über 600 Mitarbeitern. Er führt das Familienunternehmen in dritter Generation und engagiert sich aktiv für das Image des Handwerks bei jungen Menschen und Familien. Mit über 100 Auszubildenden und mehr als 300 Bewerbungen pro Jahr zeigt er, dass Fachkräftemangel kein unabwendbares Schicksal ist. Seine Projekte reichen von lokalen Baustellen bis zu Großprojekten in Berlin und Amsterdam.

